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Kommentar zum schwurbel der Woche bei minkorrekt

Auch ich amüsiere mich über den “Schwurbel der Woche” der bei minkorrekt seit einigen Folgen am Ende der Folge vorgestellt wird. Allerdings habe ich dazu noch ein paar weitere differenzierte Gedanken. Diese habe ich in einer Mail mit Reinhard und Nikolas geteilt. An dieser Stelle möchte ich wissen, was ihr noch ergenzen könnt.

Hallo ihr beiden,

[...]

Habe vor ein paar Jahren mal eine sehr gute 3sat Doku zum Thema Homöopathie (und damit pseudowissenschaften) gesehen. Finde diese sehr gut recherchiert und spiegelt m.E.n. den Stand der Forschung zu diesem Thema wieder.

Hier der Link: https://youtu.be/-4IsZdK8eBo

Besonders der Abschnitt ab Minute 16:54 finde ich bemerkenswert. Vielleicht habt ihr ja Zeit um euch diese Doku mal anzuschauen. Ich finde nämlich, dass ihr einen Aspekt außer Acht lasst bei eurer Auseinandersetzung mit Pseudowissenschaften und diesen Heilformen. Nämlich den Aspekt, dass (grade im Bezug auf Homöopathie) die Popularität von solchen Hamonei, oder entstörten Barcodes oder sonstiger quatsch, ein Sympthom einer "kranken/kaputten" Gesellschaft ist. Konkret meine ich damit, dass (um beispielsweise in der Medizin zu bleiben) heute quasi kein Arzt mehr die Zeit hat sich einen Patienten ganzheitlich anzuschauen und wirklich zu ergründen woher die Beschwerden kommen, wenn diese nicht auf der Hand liegen. Das liegt einfach daran, dass das System dies ohne weiteres nicht vergütet (Stichwort Fallpauschale). Nicht umsonst gehen gerade ältere, allein lebende Menschen, öfter zum Arzt, weil Sie sozialen Kontakt suchen.
Bei pseudowissenschaften würde ich einen ähnlichen Grund anführen - Diesen kann man auch wieder auf den medizinischen Aspekt zuspietzen: In einer stark globalisierten Welt, in der immer mehr Menschen gestresst sind, ungesund essen, zu wenig schlafen, sich zu wenig oder falsch bewegen, kommen natürlich Nebenleiden dazu, die schnell zum Hauptleiden werden. Wenn das eigene Verhalten und die Lebensweise dann nicht reflektiert wird (aus egal welchem Grund), führt dies aus meiner Einschätzung dazu, dass sich diese Menschen einfache Linderung versprechen. - Selbst wenn eine Reflektion stattfinden würde, hat ein großer Teil der Gesellschaft nicht unbedingt die Möglichkeit etwas am eigenen Lebensstil  zu ändern. - Ihr habt ja selbst schon festgestellt, dass es viel Energie kostet das eigene Verhalten zu ändern. Viel einfacher ist es dagegen sich Produkt xy zu kaufen und dann vom Placebo- oder Bias-Effekt zu profitieren. Da dieser Effekt nicht ewig anhält, braucht man immer wieder mehr.

Als letzten Punkt solltet ihr bitte unbedingt immer mitdenken, dass (gerade ihr beide, weil Doktortitel und damit sehr hoch akademisch sozialisiert und ausgebildet) in einer Bildungselitenblase über das Thema pseudowissenschaft und -medizin sprecht. Dazu eine Statistik: Gerade einmal gut 15% der Menschen in Deutschland, die überhaupt einen Bildungsabschluss erlangt haben (das sind 72%), haben einen Abschluss, der an einer (Fach)Hochschule erworben wurde. Also 15% von 72% --> entspricht gut 11% der Gesamtbevölkerung haben ein Studium oder mehr absolviert. (Quelle: BPB,2012: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61656/bildungsstand ). Das heißt natürlich nicht, dass Menschen ohne einen solchen Abschluss nur unwissenshcaftlich denken können und auch Menschen mit einem solchen Abschluss so einen kram kaufen könnten. Dennoch wird das Problem klar, auf das ich anspiele: Nur weil wir, in unserer Blase wissen, dass das Quatsch ist, heißt das nicht, dass die Durchschnittsperson das auch weis. Dazu kommt noch mein Argument von oben, dass Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss eher von Arbeitsloskeit betroffen sind und sich aufgrund von Deprivationsangst eher darum kümmern, was unmittelbar um sie herum passiert und nicht, was gerade in der wissenschaft diskutiert wird (weil auch noch der Zugang dazu fehlt).

Insgesamt lässt sich der Erfolg solcher Mittel und Produkte nach meiner Meinung auf gesellschaftliche Probleme zurückführen, die man eigentlich nur mit einer Änderung der Wirtschafts- und Sozialpolitik beheben kann. Man muss nicht pseudowissenschaft und -medizin als Symptom verbieten, sondern vielmehr die Ursachen in der Gesellschaft behandeln. Und das ist eine politische Aufgabe. (Auch ein Grund wieso Wissenschaft politisch sein sollte ;-) )

Ich würde mir wirklich wünschen, dass ihr meine positive Kritik ernst nehmt und beim Schwurbel der Woche versucht zu ergründen, welche Probleme die Menschen versuchen mit solchen Produkten zu lösen und euch nicht nur darüber lustig macht, wie doof die Leute sind, die das glauben, denn die können meistens nichts dafür bzw. wissen es eben nicht besser.

Und nicht vergessen: Wo ein Homöopath ist, kann kein anderer Sein ;-)

Liebe Grüße
Peter
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